Im MalOrt wird nur mit Naturfarben gearbeitet.

MalOrt in Bingen – Malen ohne Bewertung

Nicht gestattet: Über Bilder reden und Bilder bewerten. Gestattet: Alles, was die Phantasie entfaltet. MalOrt in Bingen ist ein Malraum für alle Generationen.

Habt ihr schon einmal euren Kindern gezeigt, wie man „richtig“ eine Blumenwiese malt? Ich habe das tatsächlich oft versucht. Bis Maxi eines Tages protestiert hat: „Es ist meine Phantasie! In meiner Welt sieht die Blumenwiese genau so aus.“ Dann hat sie alle Blumen auf ihrem Bild mit einem Filzstift in Petrolfarbe angemalt. Ich atmete tief ein. Ich wollte ihr nichts einreden, um ihren kreativen Prozess nicht zu stören. Kurz darauf meldete ich die Mädels im MalOrt Bingen an.

MalOrt

Der MalOrt in Bingen ist ein kleines Atelier in der Kaufhausgasse, hinter dem City-Center in Bingen. In Großbuchstaben steht an der Eingangstür, dass über das Gemalte nicht gesprochen werden darf. „Man kann sich über alles andere unterhalten, neue Menschen kennen lernen, aber nicht über die Malwerke sprechen“, sagt Sabine Krüger, Inhaberin des MalOrtes.

MalOrt in Bingen nach Arno Stern

Die Idee für ihren MalOrt in Bingen hat die Inhaberin vor einem Jahr aus Paris mitgebracht. Dort hat sie sich bei Arno Stern persönlich ausbilden lassen. Der 1924 in Deutschland geborene Forscher und Pädagoge lebt seit Jahrzehnten in Frankreich. Bereits in den 1950er Jahren gründete er eine „Académie du Jeudi“, die Donnerstags-Akademie, in Paris. Hier sollten Kinder ungestört und abseits der Öffentlichkeit ihr Innerstes ausleben können. Ihre Bilder wurden nicht beurteilt, über sie wurde nicht gesprochen und sie durften nicht mitgenommen werden. Das Konzept geriet schnell in den Fokus der Medien und Arno Stern wurde berühmt.

Ein MalOrt nach Arno Stern ist demnach ein wertungsfreier Raum, in dem Kinder und Erwachsene ungestört, ohne Konkurrenz und Anweisungen, ihrer malerischen Phantasie freien Lauf lassen können. Mittlerweile gibt es weltweit Hunderte von MalOrten. Menschen, die diese Orte gründen und betreuen, bildet der 95-jährige Arno Stern persönlich aus.

Malen ohne Anweisungen

Mini und Maxi schauen sich neugierig um. Dies ist ein typischer MalOrt nach Arno Stern. Die Fenster in dem Raum sind zugedeckt, denn es soll beim Malen nichts ablenken. Keine Geräusche und keine neugierigen Blicke von draußen. Das Licht kommt ausschließlich von der Deckenbeleuchtung. Die Wände sind mit braunem Packpapier verkleidet, das an einigen Stellen durch ein „Über-den-Rand-Malen“ bunte Streifen hat. Mitten im Raum befindet sich eine lange Farbpalette aus Holz mit 18 leuchtenden Naturfarben. Neben jedem Farbnäpfchen liegen jeweils drei Pinsel – zwei kleine und ein großer obendrauf.

Sabine Krüger vom MalOrt Bingen bereitet die Farben vorQuelle: schlaumaus
Sabine Krüger vom MalOrt Bingen mischt Farben zusammen.

Am Anfang sind die Mädels irritiert: Hier sehen sie nämlich keinen Kunstlehrer, der Anweisungen gibt. „Wo soll ich malen?“, fragt Maxi. „Wo du möchtest“, antwortet Frau Krüger. An zwei Wänden malen bereits zwei Frauen. Maxi entscheidet sich für die noch freie Wand und Mini folgt ihr. Jedes Kind nimmt sich ein großes Blatt Papier. Dann geht es zur Wand und das Blatt wird mit den Reißnägeln an der Wand befestigt.

Unruhige Menschen – werden hier ruhiger. Zurückhaltende – selbstbewusster. Es bringt die Menschen zu sich selbst zurück.“

Sabine Krüger, Inhaberin von MalOrt Bingen

Nun stehen die beiden Mädchen vor den weißen Blättern und schauen mich fragend an. „Ihr könnt malen, was ihr wollt“, sage ich. „Gut. Dann male ich einen Weltraum“, sagt Maxi und geht zum Palettentisch. Mini betrachtet noch ein wenig die Bilder von den beiden Frauen und geht anschließend zu ihrer Schwester. Beide greifen zu den Pinseln und lassen ihrer Phantasie freien Lauf. „Im MalOrt können sie ihre eigene Malspur entwickeln.“, sagt Frau Krüger.

Mini überlegt, was sie malen soll.Quelle: schlaumaus
Mini überlegt, was sie malen soll.

Sie selbst hat keine Vorerfahrung in der Malerei. Im Film „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer, den sie 2017 im KiKuBi gesehen hatte, sah sie Arno Stern und nahm dann Kontakt zu ihm auf. In ihrem MalOrt gibt sie den Malenden keine Anweisungen. Den Satz: „Ich kann nicht malen“ hört sie am Anfang oft. „Um in einen MalOrt zu gehen, muss man nicht malen können. Im MalOrt entwickelt sich das Malen von selbst – intuitiv von Innen heraus.“, sagt sie. Das regelmäßige Malen kann den Malenden auch psychisch viel geben. „Unruhige Menschen – werden hier ruhiger. Zurückhaltende – selbstbewusster. Es bringt die Menschen zu sich selbst zurück“, erzählt Frau Krüger. Da die Bilder weder verglichen noch bewertet werden, entsteht keine Konkurrenz. Man ist befreit und kann frei experimentieren.

Messer, Reißnagel und andere Rituale

Nach Arno Stern darf man die gemalten Bilder nicht mitnehmen. Die gemalten Bilder würden von Außenstehenden bewertet werden und somit alles zerstören, was das Malen in einem MalOrt ausmacht. Aus diesem Grund werden die Bilder im MalOrt aufbewahrt. Dies ist einer der vielen Rituale jedes MalOrtes. Mini und Maxi schauen sie zuerst verdutzt an. „Soll mein Bild auch hier bleiben?“, fragt Maxi. „Natürlich. Ich passe auf dein Malwerk gut auf“, verspricht Sabine Krüger.

Alle Bilder bleiben im MalOrt.Quelle: schlaumaus
Alle Bilder bleiben im MalOrt

Zu den weiteren Ritualen gehört der Ruf „Reißnagel“. Dies ist ein Zauberwort im MalOrt. Der Reißnagel wird versetzt, damit man die Stelle untendrunter bemalen kann. Sabine Krüger kommt und zieht den Reißnagel mit Hilfe eines Messers heraus. Das Messer gehört auch zum MalOrt, wie die leuchtenden Naturfarben.

Werke bleiben im MalOrt

Es ist sehr still im MalOrt. Beide Frauen sowie Mini und Maxi malen seit über einer Stunde. Ich hätte nicht gedacht, dass die Mädels so lange konzentriert und gelassen im Stehen malen können. Immer wieder tauchen sie ihre Pinsel in leuchtende Farben ein und tragen sie vorsichtig zu den Blättern an der Wand zurück.

Im MalOrt Bingen kann man malen ohne Anweisungen und BewertungQuelle: schlaumaus
Im MalOrt Bingen kann man seiner Phantasie freien Lauf geben.

Am Ende der Stunde entstehen mehrere Werke. Es ist fast zu schade, sie im MalOrt zu lassen. „Du passt aber auf unsere Bilder auf“, sagt Mini. „Auf jeden Fall!“, verspricht Sabine Krüger. Die Mädels sind glücklich und ich bin mir sicher: Unser nächster Malbesuch wird nicht lange auf sich warten lassen.

MalOrt Bingen, Kaufhausgasse 10, Bingen am Rhein, E-Mail: malort-bingen@gmx.de